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Talare: Sichtbares Element personenbezogener theologischer Bildung

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Veröffentlicht am 26. Oktober 2026

Ein Abschlussbericht zum Talar-Fundus der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. Die Kirchliche Hochschule Wuppertal war eine einzigartige Hochschule mit besonderem personen- und praxisorientierten Lehr- und Lernverständnis. Deshalb war es für die Professorin für Praktische Theologie Konstanze Kemnitzer von Anfang an wichtig, einen Talar-Fundus aufzubauen. Denn mit dem Talar lassen sich viele Bildungsimpulse verbinden:

„Der Umgang mit diesem für die protestantische Textilkultur so bedeutsamen Kleidungsstück ermöglichte, dass wir intensiv miteinander ins Gespräch kamen über Innen- und Außenwahrnehmungen, Rollenbilder und Haltungen, pastoralem Alltag im Miteinander der Berufsgruppen, konfessionelle Verschiedenheiten in den Landeskirchen und vielem anderen, bis hin zu Beobachtungen dazu, wie das Gewand die Aufmerksamkeit auf Kopf und Hände lenkt, wie man sich darin bewegt, was es ermöglicht und was es erschwert.“

Erste wertvolle Lernerfahrungen machten die Studierenden im Talar

Mehrfach im Jahr wurde mit den Talaren gearbeitet, besonders im Homiletischen Pro- und Hauptseminar des grundständigen Theologiestudiengangs und im Basismodul Praktische Theologie des Master of Theological Studies. In vielen Gemeinden, in denen die Studierenden aus diesen Lehrveranstaltungen bei Kemnitzer ihre eigenen Predigten als Gastpredigende halten konnten, wurde sehr begrüßt, dass sie beim Feiern der Gottesdienste mit Liturgie und Predigt zugleich erste wertvolle Lernerfahrungen im Talar machen konnten. Die Kursteilnehmenden freuten sich stets am ungewohnten Anblick ihrer Kommiliton*innen im Talar, machten Fotos und übten in der Kapelle gemeinsam als Gruppe liturgische Gesten im Talar vom Grüßen bis zum Segnen der Gemeinde.

Der Talarfundus der KiHo im Sommer 2026. Foto: Konstanze Kemnitzer

„Das gehört zu den intensivsten Erfahrungen meines Studiums an der KiHo Wuppertal! Dabei habe ich mich selbst darüber gewundert, wie viel es mit mir gemacht hat, im Rahmen des Studierens und allem, was wir so diskutieren und was so im Kopf und im Herzen passiert, mich auch einmal im Talar erlebt zu haben. Das war so wertvoll und wirkt immer noch nach.“ formulierte ein Student des Master of Theological Studies im Herbst 2026.

Woher kamen die Talare im Talarfundus der KiHo Wuppertal?

Als Kemnitzer an die KiHo Wuppertal 2018 kam, gab es noch gar keinen Talar-Fundus. Sie inserierte daraufhin im Deutschen Pfarrerblatt einen kleinen Aufruf:

Talare gesucht!

Für den Lehrstuhl Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal sucht Prof. Dr. Konstanze Kemnitzer nach ausgedienten Talaren. Der Talar-Fundus soll Studierenden der evangelischen Theologie ermöglichen, in praktisch-theologischen Lehrveranstaltungen üben zu können, sich im Talar zu bewegen, zu predigen und Gottesdienst zu feiern. Gesucht werden Talare in allen Konfektionsgrößen und Beffchen. Die Talare werden äußerst sorgsam behandelt und in Ehren gehalten. Gebrauchsspuren, die vom Berufsleben erzählen, stören nicht! Bitte sagen Sie diese Suche auch an Pfarrerinnen und Pfarrer im Ruhestand weiter und ggf. auch an Angehörige verstorbener Ordinierter. DANKE

Diese kleine Anzeige war ein großer Erfolg. Kemnitzer erzählt:

„Die Resonanz war wundervoll! Regelmäßig erhielten wir seit 2018 Briefe und Pakete mit ausgemusterten Talaren und teils sehr bewegenden Erzählungen darüber, wem die Talare im Dienst oft über viele Jahre nützlich gewesen waren und warum sie nun vor Ort nicht mehr gebraucht würden. Die Absendenden zeigten sich sehr dankbar darüber, dass sie nun einen guten Ort wüssten, wo ihre Talare weiterhin einem guten Zweck dienen konnten. Oft waren auch Beffchen und Mappen, Baretts und einmal sogar ein Talar-Hemd dabei.“

Der deutschlandweite Talar-Zusendung-Strom riss nie mehr ab

Kemnitzer sammelte die Talare an zwei fahrbaren Kleiderstangen, umgeben mit zwei Schutzhüllen und in großen Kisten für die Einzelteile. Sie warteten auf ihren Einsatz im Lehrbetrieb im Abstellraum hinter Hörsaal 3. Jede Paket-Zusendung mit Talaren wurde von der Lehrstuhlinhaberin mit einem persönlichen Brief, manchmal auch weiteren Telefonaten beantwortet.

„So wurde einmal mehr deutlich, dass Theologie eine verbindende Praxis ist und dass Artefakte Brücken sein können, auch zwischen den Generationen“, erzählt Kemnitzer weiter. Die Gespräche mit Menschen, die Talare an die KiHo Wuppertal abgaben, seien oft berührend gewesen, da noch einmal von dem gesprochen wurde, was den ehemals Talar-Besitzenden wichtig und kostbar war und bleibt.

Die Information, dass der Lehrstuhl für Praktische Theologie an der KiHo Wuppertal Talare entgegennimmt, sprach sich seit jener Anzeige im Jahr 2018 herum, ohne dass noch einmal dafür hätte geworben werden müssen.

„Der deutschlandweite Talar-Zusendung-Strom riss nie mehr ab“, lacht Kemnitzer beim Rückblick auf die vergangenen acht Jahre. Am Ende waren im KiHo-Talar-Fundus fast 30 schwarze Talare unterschiedlicher landeskirchlicher Machart, ein weißer Talar, vier Baretts, ein Talar-Hemd, zwei Beffchen-Mappen, zwei Talar-Ärmel, zwei Sonderrundkrägen, 15 unierte Steckbeffchen, zwei lutherische Steckbeffchen und fünf lutherische Bindebeffchen vorhanden.

Wie geht es mit dem Talar-Fundus der KiHo Wuppertal weiter?

Bei dieser Frage wird Kemnitzer traurig. Die Kirchliche Hochschule Wuppertal wird am 31. März 2027 von ihren Trägerkirchen Ev. Kirche im Rheinland und Ev. Kirche von Westfalen geschlossen. Damit geht dieser einzigartige Studien- und Lebensraum für theologische Bildung verloren. Vom Rektorat der Kirchlichen Hochschule aufgefordert, kümmert sich Kemnitzer daher nun notgedrungen um die sinnvolle Weiterverwendung der Talare.

„Die Menschen, die uns die Talare geschenkt haben, haben sich eine ehrenvolle Verwendung gewünscht und sich gefreut wenn ihre ausgemusterten Stücke Menschen auf dem pastoralen Bildungsweg hilfreich sein könnten.“ Diesem Wunsch will Kemnitzer durch eine gute Weitergabe der Talare entsprechen.

Und so gibt sie die Talare nun wohlüberlegt weiter. Ein erster Schwung von Talaren ist schon weiter gewandert, denn am 21. Oktober 2026 war eine Gruppe Vikar*innen in Hörsaal 3 der KiHo auf Einladung von Kemnitzer. Gemeinsam mit ihr freuten sich die Vikar*innen noch einmal am Fundus und dann ging, wie gewohnt, die Suche und das Anprobieren los. Und tatsächlich gelang es auch diesmal wieder: Alle wurden fündig und mit viel Lachen und großer Dankbarkeit nahmen sie Talare und Beffchen mit.

Prof. Dr. Konstanze Kemnitzer (2.v.L.) mit einer Gruppe Vikar*innen in Talaren des KiHo-Fundus am 21. Oktober 2026 in Hörsaal 3.

Foto: Leena Nowozcin

„Da alle Talare ja auf andere Körper ihrer früheren Träger*innen zugeschnitten sind, war es immer spannend, eine Gruppe junger Menschen mit Talaren aus diesem Fundus auszustatten. Würde jeder und jede einen – halbwegs – passenden Talar finden, der ihnen zumindest so lange gute Dienste tun könnte, bis sie sich später selbst eine Maßanfertigung leisten können?“ erzählt Kemnitzer von diesem Termin. Und nachdenklich fährt sie fort: „Aber diesmal war nicht nur Freude und Interesse dar, sondern auch Traurigkeit. Denn allen war ja klar, dass ich jetzt nicht einfach Talare im Rahmen der Lehrveranstaltung entleihe, die die Studierenden nach Gebrauch im Seminarkontext wieder bei mir abgeben. Diesmal wird es so sein, dass sie die Talare, wenn sie wollen mitnehmen und behalten können.“

Der Rest der Talare geht an das Seminar für pastorale Ausbildung

Auch im praktisch-theologischen Aufbaumodul, das gerade noch einmal mit Masterstudierenden und zweiteingeschrieben grundständigen Studierenden stattfand, konnten Menschen zugreifen und taten dies mit Begeisterung. Nun ist bereits eine der beiden Kleiderstangen des Fundus leer. Ein paar Talare sind noch übrig, die in den nächsten Wochen verteilt werden.

Den Rest des Talar-Fundus der KiHo wird das Seminar für pastorale Ausbildung in Wuppertal an sich nehmen. „Wir nehmen sehr gern alle Talare, die Sie sonst nicht loswerden“, schrieb Pfarrer Dr. Holger Pyka, der Direktor des Seminars für pastorale Ausbildung, an Kemnitzer und erklärte den dortigen Bedarf weiter: „Durch die Umstellung unserer Ausbildung und die langen Lieferzeiten der Talarschneider brauchen wir tatsächlich viel häufiger als früher Talare im Seminar, weil in manchen Kursen die Vikar*innen einfach noch keine haben, die sie mitbringen können, um darin zu üben. Von daher freuen wir uns sehr – und auch darüber, ein Stück KiHo-Textilgeschichte beherbergen zu können.“

Der KiHo-Talar-Fundus ist eines der vielen besonderen Elemente, die in diesen Wochen mitten im laufenden Hochschulbetrieb des Wintersemesters abgewickelt werden müssen. Sorgfältig schließt Kemnitzer die Schachtel mit den Beffchen und hebt die Schutzhülle über die letzten hängenden Talare. „Allen die unserem Fundus mit ihren freiwilligen Spenden unterstützt haben, bin ich sehr dankbar. Wir hätten gerne weiter damit gearbeitet. Und allen, die nun mit einem Talar aus dem Fundus weiterziehen, wünschen wir viel Kraft und Segen beim Tragen. Vielleicht darf sie ein wenig KiHo-Spirit auf diese Weise noch ein gutes Stück begleiten.“