Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Post Type Selectors
Nachrichten
Veranstaltungen
Personal
Lehrstühle
Sonstige Webseiten


„Die Barmer Theologische Erklärung trifft auch heute den Kern kirchlicher Existenz“

Bild zum Beitrag „Die Barmer Theologische Erklärung trifft auch heute den Kern kirchlicher Existenz“

Veröffentlicht am 30. Januar 2024

Am 31.Mai 2024 jährt sich die Veröffentlichung der Barmer Theologischen Erklärung (BTE) zum 90. Mal. Welche Bedeutung hat die BTE für Kirche und Wissenschaft aus heutiger Sicht? Warum profitieren beide Seiten, wenn sie eng kooperieren? Und welche Chancen bieten sich aus gemeindlicher und theologischer Perspektive, wenn sich das Ringen um Haltung lokal verorten lässt? Antworten auf diese Fragen geben Pfarrerin Ilka Federschmidt, Superintendentin des Kirchenkreises Wuppertal, und Prof. Dr. Nicole Kuropka, Inhaberin des Lehrstuhls für Kirchengeschichte an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal.

Frau Federschmidt, was bedeutet es für Sie persönlich, Superintendentin des Kirchenkreises zu sein, in dessen Stadt die BTE 1934 veröffentlicht wurde?

Federschmidt: Ich war Anfang der 1980er Jahre Freiwillige der Aktion Sühnezeichen, die von Lothar Kreyssig gegründet wurde. Er war nicht Mitglied der Bekennenden Kirche und handelte ganz im Geist der BTE.  Dann habe ich mein Vikariat in der Kirchengemeinde Barmen-Gemarke gemacht, also dort, wo die BTE 1934 beschlossen und veröffentlicht wurde. Es war mir daher eine große Freude, dass die BTE mit der Fusion der Kirchenkreise Barmen und Elberfeld in die Mitte des neuen Kirchenkreises Wuppertal rückte.

Kuropka: Als ich begann, an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal zu studieren, kam ich in die Sozietät „Frauen im Kirchenkampf“ der Kirchenhistorikern Professorin Dr. Susanne Hausammann. Damit war ich von Anfang involviert in dieses etwas andere Kirchenkampfprojekt, das zu einer Zeit stattfand, in der es normalerweise noch nicht so sehr um Frauen und ihre Rolle in der Bekennenden Kirche ging.

Frau Kuropka, was bedeutet es für Sie persönlich, Professorin einer Hochschule zu sein, die 1935 von Mitgliedern der Bekennenden Kirche gegründet wurde?

Inzwischen bin ich als Professorin an die Kirchliche Hochschule zurückgekehrt und stehe vor der Herausforderung, jungen Menschen ein „Erbe“ der Bekennenden Kirche zu kommunizieren. Für die Studierenden ist die Zeit des Nationalsozialismus eine sehr ferne Vergangenheit. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, die erschreckende Berührungspunkte mit den 1930er Jahren hat. Die historischen Umstände müssen also so lebendig dargestellt werden, dass die Studierenden sich in die historische Situation hineinversetzt fühlen. Dann kann auch die theologische Brisanz in all ihren verschiedenen Facetten erläutert werden, sodass am Ende jede und jeder die Möglichkeit hat, für sich seine oder ihre Beziehung zur BTE zu klären. Für die Pfarramtsstudierenden ist es ja ein Bekenntnis, auf das sie später ordiniert werden.

Neben den fachlichen Aspekten gibt es aber auch die Seite der persönlichen Haltung. Als Dokument und historisches Ereignis hält mir die BTE immer wieder vor Augen, dass ich Wissenschaft in Verantwortung gegenüber Kirche, Gesellschaft und Politik betreibe.

Die BTE hat die Bekennende Kirche und ihre Rolle im Nationalsozialismus weltweit bekannt gemacht. Würden Sie dieses historische Ereignis als Glücksfall für den Kirchenkreis Wuppertal bezeichnen?

Federschmidt: Ich würde nicht das Wort „Glücksfall“ wählen. Vielmehr sehe ich darin für den Kirchenkreis Wuppertal eine besondere Chance und zugleich eine Verpflichtung. Die erste Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche in Deutschland fand Ende Mai 1934 nicht zufällig in Wuppertal-Barmen in der Gemarker Kirche statt. Es gab dort eine Mehrheit der Bekennenden Kirche gegenüber den Deutschen Christen bei den Kirchenwahlen 1933. Der Boden für eine erste Versammlung schien hier gut zu sein.

In der Tatsache, dass es sowohl diesen spezifischen Bezug zwischen BTE und Wuppertal als auch den „authentischen Ort“ der damaligen Synode in unserer Mitte gibt, liegt ein besonderes Potential für uns. Zudem ist dieser Ort sehr belebt. Hier lebt und wirkt bis heute eine konkrete Gemeinde – mitten in den sichtbaren Macken und Schatten wie auch Stärken unserer Stadt, da, wo Kirche hingehört. Es ist ein Ort, der uns einlädt und herausfordert: Was bedeuten die Bekenntnisse damals für uns heute, für unsere Kirche, für die Gemeinden und den Kirchenkreis hier vor Ort? Wären wir hier und heute wieder wie damals ein „guter Nährboden“ für eine Versammlung, die bekennt, dass man Gott mehr gehorchen soll als den Menschen? Insofern ist das historische Ereignis für den Kirchenkreis Wuppertal ein kostbares, sehr vitales und zur lebendigen Auseinandersetzung herausforderndes Erbe.

Kuropka: Aus der Perspektive der Kirchlichen Hochschule halte ich die BTE insofern für einen Glücksfall, da sie die Grundlage für den Kooperationsvertrag zwischen dem Kirchenkreis und der Kirchlichen Hochschule bildet. Diese enge Zusammenarbeit mit einem Kirchenkreis ist in der theologischen Wissenschaft in Deutschland einzigartig. Damit können wir hier in Wuppertal ein Zeichen setzen, wie eng gemeindliche Praxis und gemeindliche Theologie mit wissenschaftlicher Theologie und theologischer Ausbildung verbunden sind. Diese Verbundenheit finde ich angesichts einer unsicheren Zukunft für die Kirche unheimlich wichtig, weil wir unsere Studierenden eben nicht in einer wissenschaftlichen Blase ausbilden, sondern sie von Anfang an erden können mit dem, was an gemeindlichen Tätigkeiten notwendig ist.

Welche Bedeutung hat die BTE heute für die gemeindliche Praxis der evangelischen Kirche?

Federschmidt: Die BTE spricht „Kernelemente“ evangelischer Kirche an und trifft damit für mich auch heute den Nerv kirchlicher Existenz. Was ist die Quelle unserer Verkündigung, unseres Lebens als Kirche mit ihren Gemeinden und Aufgaben? Trauen wir Gottes Wort zu, uns zu orientieren, lebendig an uns und hoffentlich durch uns zu wirken? Oder schielen wir nach anderen Einflüssen und Wahrheiten und Werten?

Die Antworten auf diese Fragen sind sicher andere als damals. Ich denke an Phasen kirchlichen Planens, wo die Erkenntnisse von Organisationsberatungsunternehmen fast gewichtiger wurden als die Frage, ob und wo sie mit dem Evangelium zusammenpassen. An das Schielen nach einer gesellschaftlichen Relevanz, die wir uns von anderen definieren lassen statt vom Wort Gottes. Wie halten wir es mit Jesus Christus als Gottes „einem Wort“? Da haben wir im heutigen kirchlichen Leben und vielleicht auch in der Theologie teilweise blinde Flecke. Das schwächt uns.

In der BTE liegt für mich daher auch eine Infragestellung, ob das, was wir als Kirche immer noch „haben“, zu sehr uns hat. Ob es uns darum so schwerfällt, unsere gegenwärtigen Strukturen loszulassen, uns neu orientieren zu lassen und dort auch auf Macht und Einfluss zu verzichten, wo es der Klarheit dient. Da klingt es für mich höchst aktuell, wenn die BTE von der frohen Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt spricht, und sehr inspirierend vom dankbaren Dienst an Gottes Geschöpfen. Fröhliche Freiheit und dankbarer Dienst leben davon, dass wir die Quelle nicht verlieren, aus der wir leben.

Gibt es Beispiele, die zeigen, wie sich die BTE in ihrer täglichen Arbeit niederschlägt?

Federschmidt: Nicht zuletzt aufgrund der BTE sind wir unseren Veränderungsprozess im Kirchenkreis Wuppertal bewusst als geistlichen Prozess angegangen. Entschieden, aber ohne einen Aktivismus, der auf jeden Zug aufspringt. Zuerst wollen wir fragen: Was legt uns Gott vor die Füße? Wo sollen und wollen wir gemeinsam Zeichen des Reiches Gottes setzen, auch mit geringer werdenden menschlichen „Ressourcen“? Diesem Weg wollen wir vertrauen, dass er uns auch gute Strukturen dafür finden und gestalten lässt. Und wollen wir uns die Offenheit bewahren, uns dabei auch immer wieder zu korrigieren und korrigieren zu lassen. So hoffen wir. Denn wir sind ja auch nicht besser als unsere Mütter und Väter.

Sehr konkret schlägt sich die BTE natürlich in der Ausstellung „Barmer Theologische Erklärung. Gelebte Revolution“ nieder, die wir vor zehn Jahren in der Gemarker Kirche eröffnet haben. Auch beim Thema Kirchenasyl spielt die BTE eine wichtige Rolle, wenn wir den Staat daran erinnern, ein gut qualifiziertes und sehr verantwortliches Kirchenasyl anzubieten und damit ein Gebot Gottes zu achten.

Eine schmerzliche Konkretion hatte die BTE zudem in einem Presbyterium, in dem ein Presbyter für die AFD kandidierte. Das war für uns ein Grund, dem Rücktritt des Presbyteriums zuzustimmen, damit beide Seiten sich voneinander trennen konnten. Kirchenrechtlich war das anders nicht möglich. Der auferstandene Gekreuzigte, der sein Leben gab für die ganze Welt, dessen Frieden höher ist als alle unsere Vernunft, passt nicht an Orte, wo Christen in der AfD etwa wieder ein national orientiertes Christentum vertreten, wo im rechten Spektrum – aber auch viel subtiler anderswo – eigene Identitäten wieder absolut gesetzt und damit Ausgrenzungen begründet werden, wo das Leben dem Menschen verfügbar erscheint.

Wie ein Wink mit dem himmlischen Zaunpfahl wirkt es vor diesem Hintergrund, dass wir auf der Suche nach einem Gelände für das Archiv des Kirchenkreises auf das ehemalige NS-Konzentrationslager im Stadtteil Kemna gestoßen sind. Dadurch haben wir die Chance erhalten, diese Immobilie aus der gewerblichen Nutzung herauszuholen, als Gedenkort zugänglich zu machen und den Blick auch auf die ganz unrühmliche und beschämende Rolle der deutschchristlichen Seelsorger zu richten, die dort gewirkt haben, und auf das deutschchristliche Konsistorium der Landeskirche, das hinter ihnen stand.  

Wo nimmt die BTE die Evangelische Kirche darüber hinaus in die Pflicht?

Federschmidt: Die BTE nimmt uns in die Pflicht, wenn es darum geht, sich mehr Befreiung aus den Bindungen angedeihen zu lassen. Wir haben uns in meinen Augen teils verstrickt in einer überbordenden Bürokratie und kirchlichen gesetzlichen Regelwerken. Ich sehe unsere Kirche lokal und überregional in der dringenden Pflicht, das Wort Gottes, das doch in Ewigkeit bleibt, weiter zu erzählen, weiter zu geben, lebendig, ohne falsche Scham, dialogisch, Botschaft zu teilen als Schatz. Meines Erachtens wird unterschätzt, wie radikal hier lebendige Tradition wegbricht, die die Voraussetzung für eine Orientierung im Sinne der BTE ist.

Die BTE nimmt uns zudem in die Pflicht, gegen jeden Antisemitismus einzutreten und dabei auch den Antisemitismus in den eigenen Reihen ernst nehmen. Diese „siebte These“ fehlt der BTE ja. Ich bin daher dankbar, dass 2002 neben der Gemarker Kirche die Neue Synagoge errichtet werden konnte. Wir müssen aber auch unser Verhältnis zu Kommunisten und Sozialisten weiterdenken. Dass da etwas fehlt, merken wir in der Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in Kemna und mit der Haltung des damaligen Protestantismus gegenüber der Arbeiterbewegung – auch in der Bekennenden Kirche.

Was wir bei all dem aber nicht vergessen sollten: Die Synodalen haben damals zu einem besonderen Zeitpunkt gemeinsam und in mühsam errungener Einheit etwas gesagt, was deutlich größer war als sie selbst. Die Einheit zerfiel zwar schon wenig später. Aber ihre Erklärung stand im Raum und prägt heute als Bekenntnis unsere und andere Kirchenordnungen. Es macht mir Mut, dass Gott mit schuldigen, versagenden und begrenzten Menschen handelt. Wir sollten die BTE daher nicht verklären, ebensowenig die Menschen, die dahinterstanden. Nur so ist und bleibt sie auch ein Wort für uns: Als ein Wort „begnadigter Sünder mitten in der Welt der Sünde“.

Welche Fragen richtet die moderne Forschung an die BTE?

Kuropka: Theologiegeschichtlich ist die BTE gut erschlossen. Grundlegende Forschungen zur Textgeschichte liegen vor, ebenso wie Untersuchungen, wer an welchen Thesen beteiligt war. Ebenso wie die Frage danach, wo stärker reformierte und wo stärker lutherische Theologie zum Tragen kommt und wo es Spannungen zwischen beiden theologischen Ansätzen gibt. Gut erschlossen sind damit auch die „großen Köpfe“ der BTE wie auf reformierter Seite Karl Barth und auf lutherischer Seite Hans Asmussen.

Historisch interessant ist jedoch, dass über die Hauptpersonen hinaus wenig Forschung zu den anderen Synodalen vorliegt. Die grundlegenden Biogramme sind in der Ausstellung in der Gemarker Kirche zugänglich. Über die unterschiedlichen sozialen, politischen oder religiösen Hintergründe aber könnte aus biographiegeschichtlicher oder sozialgeschichtlicher Perspektive noch viel geforscht werden. Welche Synodalen waren zum Beispiel eher nationalistisch oder nationalsozialistisch einzuschätzen? Welche Relevanz hatte die BTE im weiteren Alltag und für den weiteren Berufsweg? Strahlte die BTE im Wirkungskreis dieser Persönlichkeiten aus? Haben sich über landeskirchliche und konfessionelle Grenzen hinaus Vernetzungen entwickelt?

Die Bedeutung der BTE wird nicht nur in Fachkreisen kritisch diskutiert. Sie werde in ihrer Bedeutung überbewertet, es stecke nicht so viel Widerstandsgeist in der Erklärung wie vielfach behauptet, lautet die Kritik. Was sagen sie als Wissenschaftlerin dazu?

Kuropka: Als Historikerin bin ich grundsätzlich zurückhaltend, wenn es um Wertungen geht. An erster Stelle steht das Erschließen, Darstellen und Beschreiben einer Situation. Was ich aber sagen kann: Verkürzungen, die aus der BTE eine Widerstandserklärung gegen Adolf Hitler machen, stimmen so sicherlich nicht. Genauso falsch aber ist es, die BTE kleiner zu reden als sie ist. In einem totalitären System, in dem alles gleichgeschaltet wird, kann eine politische Aussage selbst dann wahnsinnig mutig sein, wenn sie keinen Frontalangriff auf den Führer darstellt. Um uns das zu vergegenwärtigen, sollten wir uns für eine Sekunde atmosphärisch in die Zeit von 1934 hineinversetzen und darüber nachdenken, welche Emotionen und Ängste ein totalitäres System schüren kann.

Eine andere Frage ist die nach der Relevanz der BTE in der heutigen Theologie und in den heutigen Landeskirchen. Diese Frage muss man im Gesamtgeflecht der Bedeutung von Bekenntnisschriften erörtern, neben der BTE also auch zum Beispiel die Confessio Augustana und den Heidelberger Katechismus mit einbeziehen. Wichtig finde ich, dass man auf dieser Grundlage sauber argumentiert. Verkürzungen helfen weder der einen noch der anderen Seite.

Die Kirchliche Hochschule und der Kirchenkreis Wuppertal laden am 31. Mai und 1. Juni 2024 zu einer Fachtagung zur BTE ein. Welche Ziele verfolgen Sie mit dieser Tagung?

Kuropka: Die Konzeption der Feierlichkeiten ist so angelegt, dass kirchliches und wissenschaftliches Erinnern eine Einheit bilden. Das Herz ist dabei der Festgottesdienst, der räumlich am historischen Ort in Barmen-Gemarke mit Beteiligten aus Hochschule und Gemeinde gestaltet wird. Um diesen Festgottesdienst herum gibt es eine wissenschaftliche Rahmung mit einer Fachtagung.

Die Fachtagung trägt den Titel „Was Erinnern macht – Macht der Erinnerung“.  Sie greift damit nicht nur ein in der historischen Wissenschaft hoch aktuelles Thema auf, sondern auch die besondere Kritik an der evangelischen Erinnerungskultur. Aus unterschiedlichen Perspektiven soll das „Erinnern“ auf der Fachtagung beleuchtet werden: Wen erinnern wir wie, wenn wir von Pfarrern aus der NS-Zeit reden? Die „Helden“ der Bekennenden Kirche und die „Täter“ der Deutschen Christen? Welche Differenzierungen sind notwendig, um den einzelnen Personen wirklich gerecht zu werden? Welche Rolle spielte die BTE in der Nachkriegszeit bei den Gründungen der Landeskirchen? Wie wurde in der evangelischen Publizistik die BTE rezipiert? Mit diesen Beispielen soll exemplarisch eine historisch notwendige differenzierte Zugangsweise eröffnet werden, die der Verstricktheit mit dem Nationalsozialismus, den Ambiguitäten des Alltags, aber auch dem Versagen und den mutigen Taten inmitten einer Diktatur gerecht wird.

Welche Bedeutung hat die Erforschung der BTE für die Praxis eines Kirchenkreises? Wie profitieren Sie davon?

Federschmidt: Die Forschung hilft uns ganz konkret, die Qualität unseres Ausstellungsprojektes zu sichern. Die Ausstellung erhebt ja den Anspruch, wissenschaftlich fundiert recherchiert zu sein und auch neue Themen aufzugreifen, etwa, wie Frau Kuropka gesagt hat, den Biografien einzelner Synodaler nachzugehen.

Die Forschung hilft zudem, den zeitgeschichtlichen Kontext klarer und gewissenhaft zu erhellen. Damit unterstützt sie das Bemühen, die Frage nach dem heutigen Kontext zu schärfen, keine vorschnellen Übertragungen vorzunehmen oder die BTE in einer oberflächlichen Aufnahme vor den eigenen Karren zu spannen. Auch der Rezeption kommt die Forschung zugute, da sie hilft, die Bekennende Kirche eben nicht zu verklären, sondern aus ihren Grenzen und ihrem Versagen zu lernen und zugleich das hoch zu schätzen, was Menschen damals vermochten, an Wahrheit zu sagen. Durch all das trägt die Forschung dazu bei, dem Leben von Kirche und Gemeinde Orientierung zu geben. Und genau das will die BTE ja auch. 

Im Mittelpunkt der Kooperation von Kirchenkreis und Kirchlicher Hochschule steht die bereits erwähnte Ausstellung, die vor zehn Jahren eröffnet wurde. Wie lautet ihr Fazit nach zehn Jahren? Hat sich die Mühe gelohnt?

Federschmidt: Die Mühe hat sich auf jeden Fall gelohnt. Das zeigt unter anderem die erhebliche Anzahl von Führungen für lokale Schüler*innen-Gruppen bis hin zu Besuchen aus der weltweiten Ökumene. Das zeigen Veranstaltungen und Projekte wie die Lesungen an dem benachbarten Ulle Hees-Denkmal „Die Ja-Sager und die Nein-Sager“.  Nicht gelungen ist die dauerhafte Beteiligung der landeskirchlichen Ebene, die allerdings bei der Erstellung und bei der Wanderausstellung wichtige Unterstützung geleistet hat. Die EKD hat sich gar nicht an der Ausstellung beteiligt. Aber auch das kann noch werden.

Kuropka: Ich kann mich nicht in die Reihe der Mühenden einsortieren, da ich den Lehrstuhl für Kirchengeschichte erst seit eineinhalb Jahren innehabe. Ich profitiere daher von dem, was mein Vorgänger Professor Dr. Hellmut Zschoch für die Ausstellung mit aufgebaut hat. Für mich ist die Ausstellung ein Ort, an dem man die Versuchungen, die Herausforderungen, die Ängste, die Nöte und das Versagen der Synodalen nachvollziehen kann. Gleichzeitig aber auch, wie eine Gruppe, die keine einheitliche theologische Position, keine einheitliche politische Position und auch keinen einheitlichen sozialen Status hatte, sich auf eine gemeinsame theologische Erklärung einigte. Damit wird die Ausstellung zu einem wunderbaren Orte der Kirchengeschichte, der zeigt, wie das Wirken des Heiligen Geistes uns als Kirche immer wieder begleitet. Unseren Studierenden diese theologische Wegzehrung mit auf ihren Weg zu geben, halte ich für extrem wichtig angesichts der massiven Umbrüche und Veränderungen in unserer Kirche, die sie in ihrem weiteren Berufsleben als Pfarrerinnen und Pfarrer gestalten müssen.

In zehn Jahren, im Jahr 2024, jährt sich die Veröffentlichung der BTE zum 100. Mal. Was wünschen Sie sich? Was sollte bis dahin rund um die BTE geschehen?

Federschmidt: Die Ausstellung zur BTE sollte weiter an Lebendigkeit und Ausstrahlungskraft gewinnen, in Vernetzung mit den Gemeinden, in Kooperation mit der Kirchlichen Hochschule und mit überregionalen Partnern. Auch wenn unsere Ressourcen schwinden, sollten wir diese Priorität beibehalten. Unser Kreissynodalvorstand hat die Bedeutung der BTE einmal so auf den Punkt gebracht: Wir brauchen eigentlich keine Kirchenkreis-Leitlinie. Wir haben ja die BTE, aktuell auf hier und heute bezogen.

Kuropka: Als Wissenschaftlerin wünsche ich mir eine kirchengeschichtliche Forschung, die bereit ist, die Anfragen aus den angrenzenden Disziplinen konstruktiv in die eigene Forschung aufzunehmen. Die nicht abwehrt, sondern in der Lage ist, die kritischen Fragen in die eigene wissenschaftliche Arbeit zu integrieren und damit an vielen Stellen eine differenzierende Sicht ermöglicht. Ich hoffe zudem, dass neue Forschungen so belebend wirken, dass der 100. Jahrestag sogar mit einer weltweiten Perspektive der BTE gefeiert werden kann und wir erfahren, wie stark sie in andere Kontinente ausstrahlt. Das vergessen wir hier in Deutschland bisweilen. Ich habe noch vor kurzem eine E-Mail von einem Kollegen aus den Vereinigten Staaten erhalten, in der er sich voller Begeisterung über die BTE und deren Relevanz äußerte. Ich freue mich daher sehr, dass Dr. Andar Parlindungan, der zukünftige Generalsekretär der Vereinten Evangelischen Mission, ein Grußwort zur Eröffnung der Fachtagung sprechen und sowohl an der Tagung als auch am Festgottesdient teilnehmen wird. Ich sehe darin einen ersten Schritt, die BTE-Forschung international zu öffnen.    

Federschmidt: Ich stimme Frau Kuropka uneingeschränkt zu. Als wir im Mai 2014 die Ausstellung in der Gemarker Kirche eröffneten, nahm auch der damalige Generalsekretär Fidon Mwombeki an den Feierlichkeiten teil. Ihre Gesellschaft und unsere Welt, sagte er mir schon damals, werden die BTE noch dringend brauchen.